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Der Soundtrack zum Untergang |
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„Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier.“ (Troubadix, der gallische Barde verteidigt die gallische Scholle gegenüber vermeintlichen Eindringlingen)
Der Schutz der deutschen Sprache, sowie der Kulturkampf gegen die „Angloamerikanische Massenkultur“ war bisher ausgewiesenen Nazis, sowie Vereinigungen wie dem „Verein Deutsche Sprache“ vorbehalten. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch, dass auch die deutsche Popkultur nicht anders strukturiert ist, als der gesellschaftliche Mainstream. Am bekanntesten dafür dürfte wohl Mia mit ihrer Single „Was es ist“ sein. Beschwört die Sängerin Mieze in diesem Lied noch ein besseres, geläutertes Deutschland, so bezieht sich Peter Heppners und Paul van Dykes tausendfach verkaufter Chartbreaker „Wir sind Wir“ ganz auf die völkische Einheit Deutschlands.
Ganz zu Recht konstatiert da die „Deutsche Stimme“, dass „von keinem nennenswerten Einfluss einer Neuen Rechten, oder der nationalen Opposition auf die Popkultur die Rede sein“[1] könnte, das muss sie ja auch nicht, da das besingen der deutschen Identität und des kollektiven „Wir“ längst über alle Sparten- und Szenengrenzen hinweg ist und Zulauf von allen Seiten findet. Schon längst ist allgemein anerkannt, dass das Nationale als Essenz des Kulturellen gegenüber der „Angloamerikanischen Pop- und Kulturindustrie“ als Rettungsanker der „eigenen kulturellen Identität“[2] wider der „kulturellen Überfremdung gilt"[3]. Der Nationalisierungsdiskurs der deutschen Popkultur hat inzwischen die Ebene der reinen Standortlogik verlassen und man setzt stattdessen unverhohlen auf trendy Geschichtsbewältigung. Früheren, wie den Compilations „Krauts with Attitude“ (in Bezug auf die amerikanische HipHop-Combo „Niggaz with Attitude“) oder „Wo ist zu Hause, Mama“, aber auch neueren Phänomenen wie die Spex-Rubrik „Popstandort Deutschland“ oder die Compilation „Neue Heimat – Electronic Music made in Germany“ unterhöhlen dabei stetig den universalistisch und westlich geprägten Popbegriff, der für Hedonismus steht und eben darin einen seiner positiven Momente hat. Vergleichbar einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik fordert er „individuelles Glück“ ein. Der „American Way of Live“ trägt die Idee von individuellem Glück in sich, und Pop hat darin seine Roots. Doch die aktuelle Popkultur bezieht durch ihre Nationalisierung Frontstellung gegen eine angebliche „angloamerikanische Kulturinvasion“, die sich im Frühjahr 2003 anlässlich des Irakkriegs in krudeste antiamerikanische Ressentiments verdeutlichte. Auch die medial konstruierte Hamburger Schule, wie zum Beispiel die ansonsten geschätzte und antinationale Countryband Fink mit ihrem Lied „Bagdad Blues“ macht hier keine Ausnahme. Geradezu erfrischend ist es, dass die Spex 1993 da noch feststellte, dass „man nie hinter die Erkenntnis zurückfallen [sollte], dass es ohne die Internationalität des anglo-amerikanischen Kulturimports wahrscheinlich keinen Ausweg aus dem Kulturmief der Nachkriegszeit gegeben hätte. Elvis Presley war nicht umsonst kein Deutscher...“[4]
Die Frage nach der popkulturellen Identität ist also keine neue, ebenso wenig wie ihre nationale Beantwortung. Trat sie jedoch bisher nur mit einer Argumentation gegen die amerikanische Kultur auf, so zeichnet sich heute eine neue Strategie ab, die in eine „german offense“ mündet. Man zeigt, dass man aus der Vergangenheit gelernt habe und beruft sich somit auf eines besseres, selbstbewusstes Deutschland; zumal es sich heute um eine ganz andere Generation handle, die unbeschwert in die Zukunft schaue, man sich also wieder ganz kollektiv auf die Schulter klopfen kann. Mit dem Verlust der nationalökonomischen Prämisse des Popstandortes Deutschland soll endlich der Status der schuldbeladenen „Verlierernation“ abgelegt werden. Doch das Schulterklopfen wandelt sich schnell zum Schenkelklopfer: Gerade die deutsche Friedensbewegung mitsamt ihrem Antiamerikanismus und schuldbefreiendem Potenzial wird zum Symbol für ein geläutertes Deutschland, womit wir auch wieder bei Mia und der ihr nahe stehenden Kulturkampagne mit den sinnstiftenden Namen „Angefangen“ wären. Deren Produzent Nhoah schreibt im Internet: „Dann kam der Irakkrieg. Ich in Buenos Aires und stand als Deutscher mit einem mal für den Frieden. Ein völlig neues Gefühl.“ Die dazugehörige Kampagne „Angefangen“ möchte auch zu einer neuen Wertediskussion anregen, in der „Liebe, Respekt, Toleranz und Mut“ zu den neuen deutschen nationalen Tugenden erhoben werden.
You’re not alone Mia und Kollegen sind mit ihren „new german patriotism“ aber keinesfalls alleine, wenn sie mit einer Vermischung aus Moralität und Zivilität sowie den berechnenden Umgang mit der eigenen Vergangenheit einen dicken Schlussstrich ziehen wollen. Hier vereint sich die politische mit der popkulturellen Debatte, die darin mündet, dass das Erinnern an die Leiden der Opfer der deutschen Barbarei durch ein Erinnern an ein angeblich universelles Leiden ersetzt wird.
Derzeit nimmt sich auch die Initiative „Musiker in eigener Sache“, eine Vereinigung aus mehreren hundert MusikerInnen dem Kampf an, eine nationale Kultur per Gesetz verordnen zu lassen. Dabei wird die Argumentation auf den beiden bekannten Säulen aufgebaut, zum einem dem Protektionismus und der eigenen nationalen Stärkung, andererseits die der nationalen Kultur- und Heimatpflege. Verbindendes Element der Vereinigung scheint allerdings die empfundene Bedrohung durch das „dominante angloamerikanische Repertoire“ immer „weniger weltumspannende[r] Firmen“[5] zu sein und diese Empfindung ermöglicht auch den Schulterschluss zwischen Joy Denalane, Jan Delay, Mieze, Smudo und Xavier Naidoo mit lederwestentragenden Altrockern für Volk und Vaterland.
Was sich schon bei Mias „Was es ist“ angedeutet hatte setzt sich bis heute fort. „Was es ist“ ist ein euphorisches Liebeslied an die deutsche Nation, in Anlehnung an den Dichter Erich Fried. „Ein Schluck vom Schwarzen Kaffee macht mich wach. Dein roter Mund berührt mich sacht. In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf.“ Kaffe, Mund Sonne – so unverschämt sind einem die deutschen Nationalfarben noch nie untergejubelt worden. Und nur kurz darauf trällert die Sängerin Mieze munter weiter, „ […]betreten neues deutsches Land“ und „fragt man mich jetzt, woher ich komme, tu ich mir nicht mehr selber Leid. Ich riskier was für die Liebe. Ich fühle mich bereit.“ Es ist was es ist: Trotz neuer Melodie das alte Lied vom Schlussstrich und gesundem Nationalgefühl. Und eben das konnte von weiten Teilen der (linken) Popkultur weder als Tabu noch als Bruch mit der universellen Geltung des Popbegriffs wahrgenommen werden. Ebenso wird bei Rammsteins Titel „Amerika“ und deren Plädoyer für ein „gesundes Volkstum“ sowie Peter Heppners und Paul van Dykes „Wir sind Wir“ vor lauter Gerede um ein klärendes Verhältnis zur eigenen Nation der völkische und revanchistische Nationalismusignoriert; denn im Gegensatz zum SPD-Pop von Virginia Jetzt, Mia, Juli - die zum Gedenkenden an das Bombardement in Dresden dieses Jahres aufspielten und deren Sängerin Eva auch schon mal herausrutscht, ein Konzert wäre für sie wie ein „innerer Reichsparteitag“ - oder Wir sind Helden stehen Heppner und van Dyke nicht mehr für ein tolerantes und „besseres“ Deutschland sondern setzten dort an, wo Jörg Friedrichs „Der Brand“, „Der Untergang“ und „Das Wunder von Bern“ aufgehört haben. Mit Textzeilen wie „So schnell kriegt man uns nicht klein. Keine Zeit zum Bitter sein / Wir sind Wir / Aufgeteilt, besiegt und doch schließlich gibt es uns ja immer noch“ beschwören sie die deutsche „Opfer- und Schicksalsgemeinschaft“. Und damit wirklich auch noch der/die Letzte versteht worum es geht: „Doch bleiben viele Fenster leer, für viele gab es keine Wiederkehr / Und über das was gerade noch war, spricht man heute lieber gar nicht mehr.“ Über Täter-Opfer-Verdrehung wird hier sogar noch hinausgegangen, wenn sehr bewusst zweideutig über das deutsche „Wirtschaftswunder“ getextet wird: „Jetzt können wir alles haben was wir wollen / aber wollen wir eigentlich nicht noch viel mehr?“ und weiter: „Aus Asche haben wir Gold gemacht“. Hiermit wird dem Streben der Deutschen nach „Höherem“ Ausdruck gegeben und der Versuch unternommen, die Bereicherung der Deutschen an den in den KZs ermordeten Juden und Jüdinnen in den Kontext des Wiederaufbaus zu setzen, um somit zur eigenen nationalen Stärkung zurückzufinden.
Selbst sonst kritische Geister wie Die Sterne oder Die Beginner fallen unter dieses Label, wenn sie auf Compilations wie „German Liedgut 1“ oder „Heimatkult“ anzutreffen sind, ohne daran Kritik zu üben. Und die Ankündigung besagter Compilation, die „Wiederbelebung [der] deutscher Popmusik“ voranzutreiben, liest sich dann wie eine Drohung zur Rückbesinnung auf eine „deutsche Sprach- und Kulturgemeinschaft“. Nachdem sich schon vor einigen Jahren gezeigt hat, dass das „Subversionsmodell Pop“, dessen Ideal gegen die Selbstfindung von Völkern, Ethnien und Kulturen und anderen reaktionären Kollektiven steht, als minderheitlich inszenierter Mainstream an seine Grenzen gestoßen ist, zeigt sich heute, dass der gegen die Chiffren der deutschen Nation in Stellung gebrachte Ansatz von Pop verloren ist. Stattdessen nehmen oben genannte und weitere Künstlerlinnen wie auch Jan Eißfeldt alias Jan Delay - der sich nicht zu blöd war, die Quotierung für deutsche Musik mit dem Argument zu verteidigen, dass „die Kids Rappern nun mal eher [zuhören] als Politiker[n]“,[6] - völlig offen Deutschland und das deutsche Kollektiv als positiven Bezugspunkt. Bleibt zum Schluss nur noch der Verweis darauf, dass trotz aller regressiven Elemente zumindest eine Minderheit versucht, emanzipatorische und antinationale Popkultur zu betreiben. Das Projekt „I can’t relax in Deutschland“[7] oder die Kulturinitiative „conne island“ in Leipzig sind nur zwei von vielen Initiativen, die den Kampf um eine linke Popkultur noch nicht aufgegeben haben und einen nicht nationalen Weg aufzeigen.
Quellen: 1) Nicht mehr fremd im eigenen Land, ein Beitrag der Betreiberinnen des conne island, Leipzig, Jungle World Nr. 49 vom 26.3.03 2) Wir sind Wir, Marvin Alster, Phase2, 14/2004 3) Es ist, was es ist: saudämlich, Philip Meinhold, taz Nr. 7206 vom 12.11.2003 [1] Chiffren nationaler Normalisierung. Neues deutsches Kultur- und Selbstbewusstsein in der Popmusik alarmiert linke Kulturwächter, Deutsche Stimme, 23. Januar 2004 [2] Johannes Willms, Eine Quote für Deutschlands Pop, Süddeutsche Zeitung, 9. September 2004 [3] Ebd. [4] Spex, 08/93 [5] Aufruf der Initiative „Musiker in eigener Sache“, http://www.the-berliner.com/musiker_in_eigener_sache [6] Jan Eißfeldt im Interview: „Die Hamburger Tafelrunde“, Spex #282, 11/2004 |